Geschrieben von PM Förderverein Schloss Herzberg e.V. am 04. Mai 2022
Was nicht in den Geschichtsbüchern steht ...
Lesung von Anna Eurike Röhrig im Rittersaal des Schlosses
Manfred Kirchner vom Förderverein Schloss Herzberg konnte zu der Lesung von Anna Eurike Röhrig neben Prinz Heinrich und weiteren Autoren geschichtlicher Themen zahlreiche Besucher im gut gefüllten Rittersaal begrüßen. Eine gut aufgelegte Autorin zeigte mit viel Humor hinter die Kulissen des preußischen Königshauses und präsentierte den Besuchern Geschichten, die in keinem Geschichtsbuch zu finden sind. Dazu ging sie auf die Biografien von vier der vierzehn Kinder des „Soldatenkönigs“ Friedrich Wilhelm I. und seiner Gattin Sophie Dorothea aus dem Hause Hannover ein. Die Geschwister litten wohl sehr unter der autoritären Erziehung des Vaters und dem preußischen Drill.
Wilhelmine Friederike Sophie genoss als zweitgeborenes Kind, der erstgeborene Sohn war verstorben, die besondere Zuneigung der Mutter, die sie gern mit einem König verheiratet hätte und daher eine „angemessene Erziehung“ bekam, einschließlich Misshandlungen durch die Erzieher. Der Plan der Mutter, sie mit den welfischen Königen auf dem englischen Thron zu vermälen, scheiterte am Widerstand des Vaters, der sich stärker am Kaiserhof in Wien orientierte. Viele Prinzen und sogar der schon alternde August der Starke standen auf der Bewerberliste. Es ging wohl teilweise wie beim Pferdehandel zu. So verheiratete der Vater sie schließlich „unter Wert“ gegen den Willen der Mutter mit den Erbprinzen Friedrich III. von Brandenburg-Bayreuth.
Die Ehe wurde zu einer Liebesbeziehung. Wilhelmine brauchte allerdings einige Zeit, bis sie sich in der „Provinz“ eingelebt hatte. Für Friedrich den Großen, den Lieblingsbruder von Wilhelmine, waren sie und der Erbprinz nur „die armen Verwandten“. Ihr Bruder mischte sich immer wieder in die Familienangelegenheiten des Bayreuther Paares ein und erwartete „preußische Staatsräson“.
Wilhelmine wollte ihrem Bruder in Berlin nicht nachstehen und ließ das Bayreuther Opernhaus errichten und das Schloss nach einem Brand 1753 neu bauen. 1758 starb Wilhelmine. Friedrich der Große ließ im Garten von Sancossie in Erinnerung an sie einen Rundtempel erbauen.
Philippine Charlotte galt als Kind und in ihrer Jugend am preußischen Hof als fröhlicher Wirbelwind. Ihre Schwiegereltern lobten ihr humorvolles Wesen. Sie galt als Familienclown, wurde aber von ihrer Schwester Wilhelmine auch als haltlos, maßlos spöttisch, falsch, eifersüchtig und etwas kokett bezeichnet. 1733 wurde Charlotte, nach Ansicht ihrer Mutter „unter Wert“, mit Karl I. von Braunschweig-Bevern verheiratet. Die Ehe entwickelte sich zu einem guten Einvernehmen, wobei Charlotte über die zahlreichen Affären ihres Gatten hinwegsah. Trotz der Affären – zeitweise mit zwei „Damen“ zur selben Zeit - blieb er mit Charlotte sexuell stark verbunden. Aus der Ehe gingen dreizehn Kinder hervor, die sich sehr unterschiedlich entwickelten und teilweise neben den Affären des Vaters dazu beitrugen, dass der Staatsbankrott drohte. 1773 entmachtete sein Sohn Karl Wilhelm Ferdinand den Vater, Hofstaat und Oper wurden drastisch im Etat gekürzt und 4.500 Landeskinder als Soldaten an die Engländer verkauft, die diese 1776 im Krieg gegen Nordamerika „verheizten“. 1801 verstarb Charlotte im Alter von 85 Jahren, ohne Schulden zu hinterlassen.
Friedrich Heinrich Ludwig, der 14 Jahre jüngere Bruder des Königs Friedrich des Großen, hatte außerordentliche Begabungen, aber es fehlte ihm eine bedeutende Lebensaufgabe. Hinzu kam, dass Friedrich nach dem Tod des Soldatenkönigs praktisch die Vaterrolle gegenüber seinem jüngeren Bruder übernahm und Heinrich - aber nicht nur diesen - genauso rüde behandelte, wie ihn sein Vater selbst behandelt hatte. Heinrich verehrte großgewachsene, schlanke und elegante Männer, schneidige Draufgängertypen. Er war homosexuell.
Heinrichs Erziehungsschwerpunkt lag auf militärische Ausbildung, die sowohl sein Vater als auch Friedrich festgelegt hatten. Schon mit 12 Jahren ernannte der Vater seinen Sohn zum Fähnrich in einem Grenadierregiment. Friedrich legte großen Wert darauf, nach außen den Schein zu wahren und zwang Heinrich, eine Ehe einzugehen. 1752 heiratete er die Prinzessin Wilhelmine von Hessen-Kassel. Intrigen am Hofe führten aber schnell dazu, dass sich Heinrich und Wilhelmine bald trennten, ohne Scheidung. Heinrich entwickelte sich zu einem hervorragenden Feldherren und konnte viele Erfolge erzielen, auch wenn sein Bruder Friedrich ständig an ihm herumnörgelte. 1802 starb Heinrich.
August Ferdinand, der jüngste Sohn des Soldatenkönigs, litt ebenso wie seine anderen Geschwister während seiner Kindheit unter der Tyrannei des Vaters und später des Bruders Friedrich. Seine militärische Erziehung begann bereits mit 8 Jahren. Als Jugendlicher hatte er mehrere Liebschaften „am Hofe“, bevor er sich 1754 in seine Nichte Anna Elisabeth Luise von Brandenburg-Schwedt verliebte und sie später mit dem Segen Friedrichs 1755 heiratete. Das erste Kind sechs Jahre nach der Hochzeit, die Tochter Friedrike, war krank, litt an Epilepsie und starb mit 11 Jahren. Acht Jahre nach der Geburt der Tochter wurde der Sohn Friedrich geboren, der jedoch im Alter von vier Jahren starb. Friedrich der Große war um die Erbfolge Preußens besorgt und gab so sein Einverständnis, dass seine Nichte Luise mit einem anderen biologischen Vater, dem Grafen Friedrich Wilhelm von Schmettau Kinder zeugte, die als Ferdinands Kinder gelten sollten. Als Schmettau dem König von der vierten Schwangerschaft berichetet, soll Friedrich gesagt haben: „Nun ist’s aber genug, Schmettau!“.
Die Autorin fesselte mit ihren Geschichten vom Preußischen Hof und den auch immer wieder aufgezeigten Verbindungen zu anderen Adelshäusern die Zuhörer bis zum Ende ihres Vortrags. So erhielt sie für die lebhafte, lebensnahe Schilderung und den Textpassagen aus ihrem Buch starken lang anhaltenden Applaus. Im Anschluss signierte sie auf Wunsch der Besucher die vor Ort erworbenen Bücher. Das Buch ist an der Museumskasse im Schloss Herzberg und im Buchhandel erhältlich; ISBN-Nr. 9783946891154.
