Geschrieben von PM Bunt statt Braun Osterode am Harz e.V. am 05. Oktober 2026
Faschismus verliert!
Veranstaltungen mit Bernd Langer im Harz (1.–3. Oktober 2026)





Der Verein Bunt statt Braun Osterode e. V. lud am Donnerstag, 1. Oktober, in den Gasthof „Deutscher Kaiser“ in Herzberg sowie die Antifaschistische Aktion Ostharz am Freitag, 2. Oktober, in das Kulturzentrum Quedlinburg (KUZ) zu Vorträgen mit dem Historiker Bernd Langer ein. Unter dem Titel „Anfang und Ende des Nationalsozialismus im Harz 1922 bis 1945“ beleuchtete Langer die Entwicklung der NS-Bewegung in der Region sowie das Ende der NS-Herrschaft im Frühjahr 1945.
Am Samstag, 3. Oktober, folgte eine Exkursion zur Kriegsgräberstätte Oderbrück und zur Absturzstelle des US-Kampfpiloten 2nd Lt. William F. Harker bei Trautenstein, sowie dem Gedenkstein für das Reichsbanner-Mitglied Fritz Müller in Hasselfelde.
In Herzberg kamen mehr als 50 Personen in den „Deutschen Kaiser“. Auch in Quedlinburg waren es mehr als 30 Interessierte, und rund 20 Menschen nahmen an der Exkursion teil.
Historischer Rückblick: Von der Weimarer Republik zum Nationalsozialismus
Bernd Langer begann seinen Vortrag mit der Frage, woher die Nazis kamen. Hoffnung habe es mit der Revolution von 1918 und der Schaffung der parlamentarischen Demokratie gegeben – mit Regelungen wie dem 8-Stunden-Tag, der Gleichstellung der Frauen, vor allem dem Frauenwahlrecht. Mit den neuen Freiheiten formierte sich aber auch die reaktionäre Bewegung.
Organisationen wie „Der Stahlhelm – Bund der Frontsoldaten“ verfolgten das Ziel, den Staat nicht zu zerschlagen, sondern von rechts zu übernehmen. Nach dem Anschlag auf Reichsaußenminister Walther Rathenau am 24. Juli 1922 wurden rechtsradikale Organisationen wie der Stahlhelm und die NSDAP in Preußen vorübergehend verboten. Als Ersatzorganisation entstand für den Stahlhelm der Wehrwolf, der den Nationalsozialisten nahestand.
Meist wird „Werwolf“ ohne „h“ geschrieben, die Schreibweise „Wehrwolf“ ist in diesem Fall aber richtig. Der Verband nannte sich „Wehrwolf – Bund deutscher Männer und Frontkrieger“.
Der Nationalsozialismus breitete sich von Süden (Österreich, Bayern, Böhmen) nach Norden aus. Nach dem Verbot der NSDAP in Preußen 1922 gründete sich unter dem Tarnnamen Mitteldeutsche Arbeiterpartei (MAP) in Osterode am Harz eine Ersatzorganisation der NSDAP, eine weitere Ortsgruppe entstand in Wernigerode. Ein erster größerer NS-Propagandaaufmarsch, ein sogenannter „Deutscher Tag“, sollte im September 1923 in Wernigerode stattfinden. Der Aufmarsch wurde verboten. Als die Nazis trotzdem marschieren wollten, wurde dies durch antifaschistische Gegenwehr verhindert.
Der gescheiterte Hitler-Putsch vom 9. November 1923 in München führte zum reichsweiten Verbot der NSDAP. Im Jahr 1925 erfolgte die Neugründung als „Führerpartei“.
Harzburger Front und „Marsch der 100.000“
Im Oktober 1931 entstand ein Bündnis aus Stahlhelm, NSDAP und anderen rechtsnationalen Verbänden und Parteien, das am 11. Oktober 1931 in Bad Harzburg mit etwa 10.000 Teilnehmern in Erscheinung trat. Doch Hitler wollte sich nicht in ein Bündnis integrieren, sondern die alleinige Führung übernehmen. Deshalb organisierte die NSDAP eine Woche später, am 17. und 18. Oktober 1931, den sogenannten „Marsch der 100.000“ in Braunschweig. Die Zahl „100.000“ bezog sich auf die durch den Versailler Vertrag auf 100.000 Mann begrenzte Truppenstärke der Reichswehr.
Bei dem Aufmarsch in Braunschweig kam es zu schweren Ausschreitungen mit Antifaschisten; zwei Menschen starben. Derlei Auseinandersetzungen prägten die Weimarer Republik. In Clausthal etwa wurde bereits 1922 ein Jungkommunist von einem Studenten erschossen. Auch in Osterode und Bad Lauterberg gab es Straßenschlachten zwischen Nationalsozialisten und Antifaschisten.
Das Ende der NS-Herrschaft im Harz 1945
Ein Schwerpunkt des Vortrags lag auf den letzten Kriegsmonaten. Der Harz war gegen Kriegsende Rückzugsgebiet von etwa 100.000 Soldaten, Hitlerjungen und Volkssturmangehörigen, die versuchen sollten, den alliierten Vormarsch aufzuhalten. Obwohl etliche Kriegsgräberstätten von den Kämpfen zeugen, gibt es keine genauen Angaben darüber, wie viele Menschen dabei ihr Leben lassen mussten.
Kämpfe im Südharz
Vor Osterode lieferten sich die Reste der SS-Panzerbrigade „Westfalen“ einen Kampf mit dem vorrückenden Amerikaner, auch bei Sieber und Lonau kam es zu schweren Gefechten. In mehrtägigen Kämpfen musste Bad Lauterberg von der US-Timberwolf-Infanteriedivision (80. US-Infanteriedivision) eingenommen werden. Auch in St. Andreasberg gab es Verteidigungsversuche. Die letzten Panzer der SS-Panzerbrigade „Westfalen“ wurden auf der Hochebene des Harzes von Jagdbombern zerstört.
V2-Produktion und KZ-Außenlager
Im Harz wurde die V2-Rakete produziert – die weltweit erste ballistische Rakete, die vor allem auf London abgeschossen wurde. Mehr als 5.000 Menschen starben durch den Einsatz der V2-Raketen; mindestens 20.000 Häftlinge kamen im Zusammenhang mit dem KZ-Komplex Mittelbau-Dora ums Leben. Die V2-Produktion wurde nach dem Angriff auf Peenemünde 1943 in das unterirdische „Mittelwerk“ im Kohnstein bei Nordhausen verlagert. Ab 1944 wurden dort unter katastrophalen Bedingungen Tausende KZ-Häftlinge zur Zwangsarbeit eingesetzt.
Im Harz gab es insgesamt etwa 40 verschiedene Lager des KZ-Systems. Das letzte wurde bei Ellrich (Juliushütte) errichtet. Die Umstände waren hier besonders verheerend. Über 2.000 Häftlinge hatten dort keine Kleidung. Das Lager wurde vor Ankunft der US-Army am 12. April 1945 vollständig geräumt.
Der Brocken: Versprengte Truppen und Kapitulation
Auf dem Brocken hatten sich versprengte Truppen von etwa 150 Mann verschanzt. Nachdem sie nicht bereit waren zu kapitulieren, wurden sie schließlich von US-Einheiten niedergekämpft. Die US-Truppen blieben noch bis 1947 auf dem Brocken, bevor sowjetische Truppen den Gipfel übernahmen.
Exkursion: Kriegsgräberstätte Oderbrück und Absturzstelle William F. Harker
Am Samstag, 3. Oktober, führte Bernd Langer eine Exkursion zur Kriegsgräberstätte Oderbrück durch.
Polizeipräsenz wegen AfD-Marsches
Während der Exkursion begegnete die Gruppe mehreren Polizeifahrzeugen. Grund war ein angemeldeter Marsch der AfD-Jugendorganisation „Generation Deutschland“ zum Brocken, an dem rund 80 Personen teilnahmen. Die Polizei begleitete beide Gruppen, um ein Aufeinandertreffen zu verhindern.
Gedenkstein für William F. Harker
Weiter führte die Exkursion zur Absturzstelle von 2nd Lt. William F. Harker, einem US-Kampfpiloten. Harker stürzte am 11. April 1945 ab, als er beim Beschuss einer deutschen Kolonne bei Trautenstein im Tiefflug Bäume streifte. Die Gedenkstätte liegt versteckt im Walddickicht; dort sind noch einige Überreste des Flugzeugs zu finden.
Gedenkstein für Fritz Müller in Hasselfelde
Abschließend fuhr die Gruppe nach Hasselfelde zum Gedenkstein für Fritz Müller. Müller war Mitglied im SPD-nahen Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und wurde nach einer SPD-Versammlung von SS-Angehörigen erschossen. Dass viele heutige Berichte stattdessen von der SA als Tätern sprechen, führt Bernd Langer darauf zurück, dass die SS damals Teil der SA war.
Broschüre „Harz 1945 – Das Ende der Naziherrschaft“
Zu den Veranstaltungen wurde die 20seitige-Broschüre „Harz 1945 – Das Ende der Naziherrschaft“ von Bernd Langer erstellt, die kostenlos verteilt wurde. Wenige Restexemplare können bei Bunt statt Braun Osterode e. V. angefordert werden: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.
Dank
Dank gilt Bernd Langer für die fundierten Vorträge und die Exkursion, dem Team vom Deutschen Kaiser in Herzberg und dem KUZ Quedlinburg für die Bereitstellung der Räumlichkeiten sowie allen Teilnehmenden für ihr Interesse an der Aufarbeitung dieser wichtigen regionalen Geschichte.