Geschrieben von Karl Heinz Bleß am 09. November 2015
Ein Herz und eine Seele
Ärztefortbildung in der Kirchberg-Klinik zum Thema Psychosomatik




Seit drei Jahren wird die Abteilung Psychosomatik/Psychotherapie an der Kirchberg-Klinik chefärztlich geführt. Dies war am Mittwoch (04.11.2015) Anlass, sich im Rahmen einer außergewöhnlich gut besuchten Ärztefortbildung mit diesem Thema zu beschäftigen. Konkret ging es um die Wechselwirkung von körperlichen und seelischen Belastungen und Erkrankungen bei Herzpatienten.
Zu Beginn gab der Ärztliche Direktor, Dr. Ernst Knoglinger, einen Rückblick auf die Geschichte der Kirchberg-Klinik, die 1988 als reine Reha-Klinik begonnen hatte, 1997 auch Akutkrankenhaus wurde und schon 1998/99 zum ersten Mal baulich erweitert wurde. Er berichtete weiter, dass das Qualitätsmanagement schon ein Jahr später startete, das Medizinische (MVZ) 2006 an der Klinik mit der Arbeit begann und weiter ausgebaut wurde und dass schließlich die Psychosomatik-Abteilung 2012 ihre Arbeit aufnahm, noch vor der baulichen Erweiterung 2013/14. Bei allen Neuerungen gehörte die Kirchberg-Klinik immer zu den ersten, berichtete er nicht ohne Stolz. Aktuelle Studien zeigten, dass gerade der Bedarf für psychosomatische Erkrankungen ständig wachse, was sich auch in der Auslastung der Abteilung belegen lasse. Die Kirchberg-Klinik beschäftige derzeit zehn Psychologen.
Stress und Depressionen machen den Körper krank
Der Chefarzt der Abteilung Psychosomatik/Psychotherapie, Oliver Ristow, referierte anschließend über Stress und Depressionen. Dabei berichtete er über wissenschaftliche Studien, die beispielsweise belegen, dass Dauerstress und Depression zu körperlichen Veränderungen führen können. Als Folgen stellte er zunehmendes Bauchfett, Bluthochdruck und Diabetes Typ 2 heraus. Auch Osteoporose und verschiedene Schmerzen können ihre Ursache durch Stress haben. Ziel der Psychotherapie sei es, Dauerstress zu verhüten und die Patienten zu motivieren, etwa durch Bewegung den Stress abzubauen. Das sei aber gerade bei depressiven Menschen schwierig, weil diese wegen der Krankheit antriebsarm seien. Trotzdem lohne es sich, depressive Menschen zu Aktivitäten zu motivieren, um sie aus der Abkapselung zu holen.
Angesichts der Schwere des Krankheitsverlaufs riet er Eltern dringend, Kinder in den ersten Lebensjahren vor traumatischen Erlebnissen zu schützen, weil durch sie die Grundlage für erhöhten Stress, Angst und Depression gelegt werde. Konkret sprach er von emotionalem und sexuellem Missbrauch, aber auch von Gewalt und Ehekonflikten bei den Eltern, die Kinder traumatisch erleben könnten.
Vom kranken Herzen zum „Ich-Infarkt“
Den letzten Punkt griff auch Professor Dr. Christoph Herrmann-Lingen aus Göttingen auf, der die Einführung der psychosomatischen Abteilung an der Kirchberg-Klinik vor drei Jahren begleitet hatte. Kinder und Jugendliche würden lebenslang unter traumatischen Erlebnissen leiden, die nur bedingt therapiert werden könnten. Der Referent erläuterte anschließend anhand von wissenschaftlichen Untersuchungen, wie Störungen und Belastungen für Herz und Seele wechselseitig wirken. So können Stress, Angst und Depressionen zu Bluthochdruck und Herzerkrankungen führen, aber auch umgekehrt. Herzkranke Menschen haben ein erhöhtes Risiko, depressiv und überaus ängstlich zu werden. „Koronare Herzerkrankungen können auch die Quelle von Stress sein", sagte der Wissenschaftler. Das Risiko sei größer, wenn die Patienten in der Kindheit ein traumatisches Erlebnis hatten, spannte er den Bogen weiter.
Ärzte sollten Patienten mit einer Herzerkrankung nicht als „Menschen mit einem Motorschaden" ansehen, riet er seinen Kollegen. Gerade das Herz als zentrales Organ belaste die Seele sehr. Es könne zum Verlust der Integrität führen. Er sprach von einem „Ich-Infarkt". Bekomme der Patient Angst und Depressionen, leide er psychisch unter der Herzerkrankung und verhalte sich ängstlich so, dass die Risikofaktoren steigen: zu wenig Bewegung, weniger Rauch-Abstinenz, weniger Stress-Abbau. Ein Teufelskreis, der die Therapie behindere und das Risiko des Sterbens erhöhe.
Allein die Therapie mit Antidepressiva sei wenig erfolgversprechend, erklärte der Fachmann den Ärzten. Er riet ihnen, bei jedem Herzpatienten zu fragen, ob dieser „ein Problem" habe. Die besten Erfolge in der Therapie gebe es nachweislich, wenn Hausärzte, Kardiologen und Psychotherapeuten im Team „auf Augenhöhe" einen Patienten oder eine Patientin behandelten. Es gehe also um den ganzheitlichen Ansatz, zu dem auch die Bewegung gehöre. Die Erfahrung zeige, dass sich die Herzbeschwerden bei stationärer psychotherapeutischer Behandlung verringern und auch anschließend geringer bleiben.