Geschrieben von Boris Janssen am 27. April 2016
Oliver Twist im Kino Amadeus
Einfach genial: Mit ihrer neuen szenischen Lesung erobern die Stillen Hunde die große Leinwand









Es wird nur wenige geben, die es noch nicht wussten. Aber mit ihrer neuen szenischen Lesung beweisen die Stillen Hunde aus Göttingen jetzt auch den Letzten: Sie sind einfach gute Schauspieler – richtig, richtig gute. Am Samstag (23.04.2016) haben Christoph Huber und Stefan Dehler mit ihrer Interpretation von Oliver Twist in Bad Lauterberg nicht nur die Theaterbühne, sondern gleichzeitig die Leinwand erobert – großes Kino im Café Amadeus.
Dieses Mal verzichteten die beiden vollkommen auf ein Bühnenbild, waren stattdessen nur mit einer Handvoll Requisiten, zwei Pulten, Videokamera, Beamer und einer Wand aus weißen Tüchern angereist. Letztere kam als Leinwand wieder mitterein ins Publikum, die Pulte links und rechts daneben – oder rechts und links, je nachdem. Die Kamera war auf eines der Pulte gerichtet und brachte immer denjenigen dahinter per Beamer in Großaufnahme auf die Leinwand. Auf beiden Seiten der Leinwand war fürs Publikum alles Wichtige zu sehen, die Projektion für die eine Hälfte halt spiegelverkehrt, aber das wurde bei „Einblendungen und Zwischentiteln“ natürlich berücksichtigt.
Grandioses Spiel mit der Kamera
Inhaltlich war es ein bisschen wie „Warten auf Godot“: Huber und Dehler schlüpften in viele verschiedene Rollen – Schal, Hut, Brille, dazu ein passendes Mienenspiel, und schon wurde aus einem reichen Gentleman ein kleiner Straßenjunge oder ein verschlagener alter Gauner. Oliver Twist aber, der war nicht ein einziges Mal zu sehen. Er kam nur im erzählten Part vor, und selbst da lassen sich seine Dialogzeilen an den Fingern abzählen. Dieser dramaturgische Kniff dürfte vorab nicht nur den Streit um die Rollenverteilung verhindert haben – schließlich sind bei den Stillen Hunden ja nur die Frauenrollen von vornherein klar vergeben, wie Christoph Huber maulend bemerkte, als er mal wieder sein altbekanntes Kopfdeckchen zückte –, er unterstreicht im Grunde perfekt, wie sehr Olivers Leben von außen, von schicksalhaften Begegnungen bestimmt wird. Ein Verlauf übrigens, den die Stillen Hunde mit einem Soundtrack von „Es ist ein Ros‘ entsprungen“ bis „Highway to Hell“ untermalten.
Der Clou des Abends aber war die Leinwand. Theater können die Stillen Hunde ja sowieso – Sprechen, Lesen, Gesten. Aber sie können auch Film, ausdrucksstarke Mimik in allen Facetten und in Nahaufnahme – und das sogar live, ohne zweite Chance. Faszinierend, wie sehr sich in Gauner Fagins Gesicht (gespielt von Stefan Dehler) der Wechsel von Verschlagenheit, Wut, Verzweiflung und Angst ablesen lässt. Grandios aber auch, wie gut sich die Stillen Hunde auf den starren Bildausschnitt der Kamera eingespielt haben, sodass Dehler tatsächlich ganz allein auf die Leinwand bringt, wie er als Bestatterlehrling Noah Claypole vom unsichtbaren Oliver Twist ordentlich verprügelt wird. Und wenn Christoph Huber als Sikes zum Mörder wird, die Tat nur mit seinem Gesicht darstellt, seine anfängliche Grimasse noch für Lachen sorgt, dieses Lachen aber sehr bald stirbt, dann hat das schon etwas von einem Hitchcock.
Klar, die üblichen Stille-Hunde-Zutaten gab‘s obendrauf. Etwas Parodie und Kabarett, ein Schuss Absurdes und Schräg-Albernes. Huber und Dehler spielten auch wieder auf den Meta-Ebenen, mit sich als Schauspieler oder astrein improvisiert mit dem Publikum. Das alles aber deutlich zurückhaltender als bei den vorangegangen Produktionen, mehr als Prise Gewürz, denn als großen Klacks Soße. Ein glückliches Händchen hatten sie mit dem Gaststar des Abends, der Zuschauerin, die einen verhältnismäßig großen Part als Nancy übernehmen sollte und das gut meisterte. Mit Huber als Nancy hätte das ja niemals ernsthaft funktioniert.
Kulturkreis als Veranstalter eingesprungen
Auch in organisatorischer Hinsicht ging der Abend gut über die Bühne, auch wenn das Café Amadeus, in das man wegen der Bauarbeiten im Haus des Gastes ausweichen musste, für diesen Zweck ein wenig ungemütlich war. Nachdem – für die Stillen Hunde „unfassbar“ – noch immer keine neue Stadtbücherei als Veranstalter auftreten konnte und – noch unvorstellbarer – auch noch die langjährige Organisatorin Doralies Baltzer in den Ruhestand gegangen ist, hatte der Kulturkreis Bad Lauterberg die Veranstaltung übernommen. Vorsitzende Cornelia Bär gab unumwunden zu, die Aufgabe samt Publikumsaufkommen und traditionellem Pausenimbiss ein wenig unterschätzt zu haben. Aber sie und ihr Kulturkreis-Team haben es gut gewuppt.
Und fürs nächste Mal weiß Cornelia Bär jetzt auch, dass sie bei den Stillen Hunden jederzeit damit rechnen muss, selbst ein kleiner Teil der Vorstellung zu werden. Denn logisch, die Stillen Hunde kommen nächstes Jahr wieder. „Wir sind immer ganz besonders gerne in Bad Lauterberg“, erklärten sie. „Natürlich sagen wir das überall – aber nur hier stimmt es auch.“ Das war bestimmt nicht nur gespielt, ganz sicher nicht. Und wenn doch, dann halt richtig, richtig gut.