Geschrieben von Boris Janssen am 06. September 2014
Ein wunderschöner, ein großer Tag
Die Freigabe der B 243n läuft denkbar unspektakulär ab. Und dennoch: Dieser Moment ist ein ganz besonderer für Bad Lauterberg.












Niemand singt. Es gibt kein Feuerwerk. Einziger Showact: Sechs Offizielle, von denen die Hälfte kaum jemand kennt, tragen gemeinsam eine Bake zur Seite. Danach Auszug der Beteiligten als schlichter Autokorso – vorneweg zwei historische Polizeifahrzeuge (ein Käfer und ein Motorrad), der Rest in seinen ungeschmückten Dienst- oder Privatautos. Im Anschluss Aftershow-Party in der Pausenhalle der Kooperativen Gesamtschule. Lange Tischreihen, der Cateringservice bietet Getränke aus 0,33er-Flaschen, Kaffee und labberige Brötchen.
Eine Eröffnungsfeier stellt man sich irgendwie glamouröser vor. Aber egal, die Stimmung ist euphorisch. Politiker, hohe Beamte und Bürger freuen sich gemeinsam wie kleine Kinder an Weihnachten. Vor allem die Barbiser und Osterhagener sind in echter Hochlaune: 25 Jahre nach der Grenzöffnung wird endlich, endlich die langersehnte Ortsumgehung für den Verkehr freigegeben. Die B 243n – sie ist offen.
Mehr Lebensqualität
Was dieses Ereignis für die Menschen hier bedeutet, wissen die Ehrengäste ganz genau. Es sei „ein wunderschöner Tag“ sagt Enak Ferlemann, „ein großer Tag für Bad Lauterberg“ sagt Thomas Oppermann und ein „Tag der Freude“ sagt Fritz Güntzler. Sie alle betonen, wie wichtig die Straße für die Region sei, ein weiterer Lückenschluss zwischen der A 7 und der A 38, ein Faktor für mehr Wirtschaft und Tourismus und damit für mehr Arbeitsplätze. Vor allem aber bringe sie den Barbisern, Osterhagenern und auch Bartolfeldern mehr Lebensqualität: Ruhe und weniger Abgase direkt vor der Haustür.
„Dafür haben sich viele Menschen viele Jahre lang eingesetzt“, stellt Enak Ferlemann fest. Er steht am Rednerpult auf der Ladefläche eines THW-Lasters. Vor ihm stehen die geladenen Gäste auf der Fahrbahn. Die vielen Schaulustigen sind willkommen, müssen aber mit einem Platz auf der Fußgängerbrücke oder am Wildschutzzaun vorlieb nehmen. Schließlich soll die Straße gleich freigemacht werden, und das soll schnell gehen. Immerhin können die Zuschauer von da oben gut gucken – ein Logenplatz für den großen Moment.
98 Millionen gut angelegt
Der Weg dahin war schwer und kostspielig. Ferlemann kann als Parlamentarischer Staatssekretär aus dem Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur die 98 Millionen Euro einschätzen, die die Maßnahme gekostet hat: „Sie ist sehr teuer geworden.“ Die achteinhalb Kilometer lange Strecke habe es Bauherren und Ingenieuren ja auch nicht leicht gemacht und außerdem so einige Überraschungen bereitgehalten – es sei schlicht unmöglich, in einer Karstlandschaft jedes Loch im Vorfeld zu finden. Trotz der deutlichen Kostensteigerung: „Das ist gut angelegtes Geld“, findet Ferlemann mit Blick auf die Bedeutung der Umgehung, auf der in Zukunft mit bis zu 18.000 Fahrzeugen täglich gerechnet wird, darunter zehn Prozent Schwerlastverkehr. „Deshalb wollten wir die Maßnahme auch bei allen Problemen unbedingt wie geplant durchziehen.“ Jetzt müsse man in den Dörfern überlegen, wie die alte Bundesstraße zurückgebaut werden solle.
Natürlich hat Ferlemann auch jede Menge Dankesworte dabei. Für alle, die sich für den Straßenbau eingesetzt oder die ihren Grund und Boden zur Verfügung gestellt haben. Und natürlich für die Bauarbeiter und Ingenieure. Gerade die Ingenieure haben es Ferlemann angetan: Die LAU 1, diese einmalige Brücke über die Oder zur Koldung, sei „eine ingenieurtechnische Meisterleistung“. Sie beweise, „unsere Ingenieure können alles, wenn man ihnen genug Geld gibt.“ Nun ja, schließlich haben schon die zehn Brücken fast 50 Millionen verschlungen, allein die LAU 1 um die 22 Millionen.
Staatssekretärin Daniela Behrens vom Niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr kann sich danach kurzfassen. „Es hat lange gedauert“, zieht sie als Fazit. „Aber wenn etwas gut wird, dann braucht es auch etwas mehr Zeit.“
Es geht doch: Ursprünglicher Termin eingehalten
Fast so sehnsüchtig wie die Barbiser und Osterhagener hat wohl ihr SPD-Bundestagsabgeordneter Thomas Oppermann, „Mister B 243n“, auf diesen großen Tag gewartet. „Die Lebensqualität an der Straße war so schlecht – ich freue mich jetzt für diese Menschen.“ Dass die B 243n, nachdem ihre Notwendigkeit erst einmal auf höherer Ebene ins Bewusstsein gerückt war, vergleichsweise schnell realisiert wurde, sei „auch eine politische Leistung“. „Wir haben die Straße gebaut, obwohl die Trasse durch ein besonders geschütztes FFH-Gebiet führt“, sagt Oppermann und dankt dem damaligen Landrat Bernhard Reuter (als heutiger Göttinger Landrat auch vor Ort) für dessen Unterstützung in dieser Angelegenheit.
Oppermanns CDU-Kollege Fritz Güntzler ist beruhigt, dass in Deutschland doch noch Bauprojekte pünktlich fertiggestellt werden können. „Beim Spatenstich vor sechs Jahren hat Niedersachsens damaliger Wirtschaftsminister Walter Hirche eine Freigabe 2014 verkündet“, bemerkt Güntzler. Der Termin sei ja nun gehalten, auch wenn es zwischenzeitlich so aussah, als hätte es noch schneller klappen können. Heute sei der Tag der Freude, doch Güntzler richtet den Blick schon einmal auf weitere Probleme in seinem Wahlkreis. Auch die B 247 durch Obernfeld führe nach Thüringen. Und man müsse nun genau beobachten, was auf der B 243 durch Herzberg passiert.
Thüringer hoffen auf Unterstützung
Was auf der B 243 direkt vor ihrer Haustür so passiert, beobachten die Bürger der thüringischen Orte Mackenrode, Holbach und Günzerode schon längst sehr genau. Ihre Dörfer sind jetzt zusammen mit Herzberg die einzigen zwischen der A 7 und der A 38, durch die sich der B-243-Verkehr noch quält. Ihnen geht es ja nicht besser als bisher den Bad Lauterberger Ortsteilen – und jetzt fällt auch noch das Nachtfahrverbot für Lkws weg. Deshalb nutzen die Thüringer die Chance, auf Plakaten und in Gesprächen ihre eigene B 243n einzufordern, und fürs Erste schon mal das Nachtfahrverbot.
Alle zeigen sich solidarisch. Die Bad Lauterberger kennen die Situation zu gut. Und der letzte Lückenschluss wäre nur konsequent in allen Belangen. So sichern denn auch alle Redner ihre uneingeschränkte Unterstützung zu. „Ich freue mich, mal eine Demo FÜR eine Straße zu sehen“, sagt Enak Ferlemann. Im Grunde hänge der Weiterbau jetzt aber am Land Thüringen, denn das entscheide, wie es die vom Bund erhaltenen Mittel einsetze: „Und in Thüringen laufen momentan große Autobahnprojekte“, dämpft er die Hoffnung auf einen baldigen Spatenstich.
„Bitte keine Blitzer“
Nur ein kleines Randthema spaltet die feiernde Gesellschaft. Ferlemann bittet: „Lieber Landkreis, bitte stelle keine Blitzanlagen auf.“ Fritz Güntzler schließt sich gleich mal an, denn, so mutmaßt er, der Landkreis dürfe wegen seiner Blitzer in Barbis und Osterhagen wohl der einzig Traurige hier sein. Das Publikum ist begeistert ob dieser Bitten. Daniela Behrens sieht das dagegen rational-nüchtern: Wie alle wünscht sie den Autofahrern „allzeit gute und unfallfreie Fahrt.“ „Zu einer sicheren Fahrt gehört es aber nun einmal dazu, die Geschwindigkeit einzuhalten.“
Wenn so etwas der einzige Dissens ist, kann das die ausgelassene Stimmung nicht kratzen. Dann braucht es an diesem wunderschönen, großen Tag keine pompöse Eröffnungsfeier mehr. Dann holt man sich zum fröhlichen Schnack halt eine 0,33er-Flasche Cola und ein lappiges Brötchen. Oder wie Karl-Heinz Baumann Unterschriften der Ehrengäste auf einer als Straßenkarte gestalteten Holztafel, die vermutlich in Baumanns Arche-Hof in Osterhagen ihren Platz findet. Das reicht. Gefeiert haben die Bad Lauterberger ihre neue Straße schließlich schon beim großen Bürgerfest am Sonntag zuvor. Und gleich geht’s mit bester Laune nach Hause – nach ein oder zwei Ehrenrunden über die B 243n.